Erfolgsautorin vertraut auf „die Macht der Worte“
Gustav-Heinemann Friedenspreis für Kirsten Boie

Frühling 2009: Kirsten Boie geht durch die Siedlungen auf der Elbinsel Wilhelmsburg in Hamburg. Es herrscht ein schreckliches Unwetter und die Autorin beginnt, sich zurückzuträumen. Zurück ins Jahr 1962, als genau hier die große Sturmflut herrschte und die Elbinsel von der Katastrophe besonders schwer getroffen wurde.

Bevor sie hierher kam, hatte sie endlich die zündende Idee, wie sich die Hamburger Sturmflut und die NS-Zeit in einem Buch endlich verbinden ließen: Der Eichmann-Prozess, der sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt.

In dem Gerichtsverfahren wurde der wegen millionenfachen Mordes angeklagte ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann nach langwieriger Verhandlung in Jerusalem schließlich am 15. Dezember 1961 zum Tode durch den Strang verurteilt.

Im strömenden Regen geht Kirsten Boie zurück nach Hause und beginnt zu schreiben. Es dauert keine zwei Monate. Dann ist ihr neuer Roman Ringel, Rangel, Rosen fertig und die Autorin hat alles richtig gemacht. So sah es auch die Jury des Gustav-Heinemann-Friedenspreises und Jugend- und Kulturministerin Ute Schäfer (NRW) zeichnete Kirsten Boie am 19. September in der Stadtbibliothek in Essen mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendliteratur aus.

Zum Inhalt

Der Roman erzählt die Geschichte der zunächst 13-jährigen Karin, die uns mit ins Jahr 1961 nimmt – in die Behelfsheime hinter dem Deich, an die Dove Elbe und in ihr ganz persönliches Paradies. Aber eben auch in die späte deutsche Nachkriegszeit, eine Zeit der vielen unbeantworteten Fragen. Auch Karin erscheinen die Eltern plötzlich in einem völlig anderen Licht: Kann es denn sein, dass ihr eigener Vater als Wehrmachtssoldat Menschen erschossen hat? Die Eltern geben vor, von Konzentrationslagern, Judenverfolgung und Naziverbrechern nichts gewusst zu haben. Das kann doch nicht sein.

„Das Buch zeichnet ein eindrucksvolles Bild von den Traumata einer ganzen Generation nach dem Krieg,“ lautet die Begründung der Jury deren Vorsitz die Geschäftsführerin des deutschen Buchhandels, Gabriele Schink, ist. „Es ist das Thema einer jungen Generation, die gegen das Vergessen ankämpft.“

Die besondere Stärke der Geschichte liegt darin, dass Boies Protagonistin Karin niemanden verurteilt, aber Fragen stellt und überlegt: Wie hätte ich reagiert? Kann ich verstehen, warum Mama und Papa so gehandelt haben? Darf man so etwas verzeihen? Und heilt die Zeit alle Wunden? Die Jury: „Gerade unter diesen inhaltlichen, generationenübergreifenden Aspekten ist die Geschichte preiswürdig.“

Drei gute Gründe

Bei Kirsten Boie, die gleich mit drei Vertretern des heimischen Oetinger Verlages aus Hamburg angereist war, löste die Auszeichnung große Freude aus. „Und dafür habe ich gleich drei Gründe“, sagte Boie und strahlte übers ganze Gesicht. „1. Den Charakter des Preises und seinen damit verbundenen Namensgeber Gustav Heinemann.“ Denn im Februar 1969 machte Boie ihr Abitur, und als Gustav Heinemann nur einen Monat später zum Bundespräsidenten gewählt wurde, war das für Boie und ihre Freunde ein Zeichen für Demokratie.

Natürlich freute sie sich damals besonders darüber, dass Heinemann sich immer hinter die Studenten stellte und damit die Studentenproteste unterstützte.

So sagte er stets: „Wer mit dem Zeigefinger auf andere Leute zeigt, sollte nie vergessen, dass drei Finger seiner Hand auf ihn selbst zeigen.“ Diese wunderbare Metapher liebt Boie heute noch immer, weil sie noch immer „auf die Macht der Worte hofft“.

Der 2. Grund: „Ein Auszug aus Heinemanns Antrittsrede“, so Boie. So sagte Heinemann bei seinem Amtsantritt am 1. Juli 1969: „Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland. Aber es ist unser Vaterland.“ Genau dieses Thema ist eben auch Inhalt von Boies jetzt ausgezeichnetem Roman. „Es hieß immer DIE Gestapo, DIE SS, aber man musste sich schon die Frage stellen, wer dahinter steckte. Waren es meine Eltern? Niemals meine Mutter. Oder vielleicht gehörte sie doch zu denen, die wegsahen?“  Boie weiß, dass ihr Buch es jugendlichen Lesern nicht leicht macht. Trotzdem ist ihr das Wissen sehr wichtig. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, zu erzählen oder eben aufzuschreiben. „Schließlich heißt es richtig: Wer die Geschichte vergisst, sei dazu verdammt, sie zu wiederholen“, so die Autorin.

Und der dritte Grund? „Na, die 7500 Euro Preisgeld“, sagte Boie und lachte. Denn die kommen einer gemeinnützigen Einrichtung in Swasiland zugute, die sich um aidskranke Kinder kümmert.“

Zum Preis

In Erinnerung an den Bundespräsidenten Gustav W. Heinemann verleiht die Landesregierung Nordrhein-Westfalen seit 1983 jährlich den Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendliteratur. Mit diesem Preis werden Bücher ausgezeichnet, die Kinder und Jugendliche ermutigen, sich für Menschenrechte, für gewaltfreie Formen der Konfliktlösung, für die Integration von Minderheiten und für ein friedliches Zusammenleben einzusetzen. Damit ist der Preis die wichtigste friedenspolitische Auszeichnung für Kinder- und Jugendbücher im deutschsprachigen Sprachraum.

Bibliographie

  • Kirsten Boie: Ringel, Rangel, Rosen. Oetinger 2010, 192 Seiten, für Jugendliche und Erwachsene, € 14,95 (D), € 15,40 (A), sFr 26,90. ISBN: 978-3-7891-3182-0
  • Kirsten Boie/Ursula Illert (Sprecherin): Ringel, Rangel, Rosen. Oetinger Audio 2011, ungekürzte Lesung, 3 CDs, 204 Minuten, für Jugendliche und Erwachsene, e 19,95 (D), e 20,20 (A), sFr 28,90. ISBN: 978-3-8373-0563-0
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